Das Problem der Inkommensurabilität

Erfan Kasraie

Universität Kassel, Institut für Philosophie

Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte anschaut, dann sieht es auf den ersten Blick plausibel aus, dass die Wissenschaftsentwicklung kumulativ ist. Wissenschaft entwickelt sich dadurch, dass ihr Stück für Stück neu erworbenes Wissen hinzugefügt wird. Der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn allerdings bezweifelt, dass Wissenschaft ein kumulativer Vorgang sei. In seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ versucht er zu zeigen, wie die Wissenschaft weitergeht. Sein wissenschaftstheoretisches
Modell unterscheidet sich sowohl von den Vorstellungen des Falsifikationismus Poppers als auch Induktivismus. Nach Kuhn entwickelt sich die Wissenschaft laut dem unten dargestellten Schema:

Vor-Wissenschaft → normale Wissenschaft → Krise→ Revolution→ neue Wissenschaft→ neue Krise

Die Wissenschaftler kennen nach Kuhn im Laufe der ersten Phase (D.h. in der Phase der „Vor-Wissenschaft“) noch kein Paradigma. Unter dem Begriff normaler Wissenschaft versteht man nach Kuhn „eine Forschung, die fest auf einer oder mehreren wissenschaftlichen Leistungen der Vergangenheit beruht, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft eine Zeitlang als Grundlagen für ihre weiteren Arbeiten anerkannt werden“. [Kuhn,1969]. Laut diesem Begriff konfrontiert Normale Wissenschaft
immer mit Problemen, die abnormal aussehen. Besser gesagt mit Phänomenen die sich anders verhalten, als man es aus dem vorherigen Paradigma erwartet. Wenn das alte Paradigma mit der Natur nicht übereinstimmt könnte in dieser Phase eine Krise auslösen. Die Normale Wissenschaft erzeugt Anomalien, die zu einer Krise und endlich zu eine Phase der Degeneration des alten Paradigmas führen. Die Suche nach einem neuen Paradigma bezeichnet Kuhn als Außerordentliche Wissenschaft. Schließlich wird diese Phase durch die Einigung auf ein neues Paradigma beendet. Eine wissenschaftliche Revolution ist nach Kuhn eine Episode in der Wissenschaftsentwicklung, in der ein älteres Paradigma durch ein neueres
ersetzt wird. Die wissenschaftliche Revolution verläuft aus der Sicht Kuhns analog zu politischen Revolutionen. Kuhn setzt den Begriff „wissenschaftlichen Revolution“ und Paradigmenwechsel ein, um zeigen zu können, dass wissenschaftliche Entwicklung nicht kontinuierlich und kumulativ, sondern revolutionär ist.

Inkommensurabilität

Das Problem der Inkommensurabilität (besonders die sprachliche Inkommensurabilität und Quines These der Unterbestimmtheit von Übersetzungen) spielt in der komparativen Philosophie eine wichtige Rolle. Eines der wichtigsten Wörter des Buches „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ ist Inkommensurabilität. Das englische Wort „incommensurable“ wird ins Deutsche als „Unvergleichbarkeit“ oder „nicht vergleichbar“ übersetzt. Bei Kuhn heißt es: Inkommensurabilität zwischen dem vor- und dem nachrevolutionären Paradigma.

Der Begriff der Inkommensurabilität ist mit dem Paradigmenwechsel während wissenschaftlicher Revolutionen verbunden. Bei inkommensurablen Theorien gibt es ein fundamentales Problem. Die Vertreter der Theorie T¹ sind nicht in der Lage, die Vertreter der Theorie T² von einer Anomalie innerhalb der Theorie T¹ zu überzeugen. Solche Anomalien, die in der Theorie T¹ vorkommen, sind aus der Anhänger der Theorie T² keine Anomalien. Nach Kuhn gibt es keinen direkten „Term-zu-Term-Vergleich“ zwischen verschiedenen inkommensurablen Theorien, aber inkommensurable Theorien seien nach seiner Ansicht gewissermassen vergleichbar. Manche Wissenschaftsphilosophen glauben, dass die eigentliche Pointe des Inkommensurabilitatsbegriffs und die Vorstellung von der Kumulativität der Wissenschaft ein Angriff auf die Rationalitat der Wissenschaftsentwicklung sei. Ian Hacking schreibt in seinem berühmten Buch “Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften” , „wenn man von Kuhns Auffassung des revolutionären Paradigmenwechels ausgeht, droht Gefahr der Rationaität in erster Linie. Die Gefahr des Irrationalismus bzw. des Relativismuses müssen dazu hinzugefügt werden“. Ob das Modell wissenschaftlichen Wandels von Kuhn auf andere Disziplinen übertragen werden kann, ist sehr umstritten. Ich würde bei diesem kontroversen Thema den Standpunkt von Hacking vertreten. Obwohl es keine Einigung darüber gibt, dass Kuhns Inkommensurabilitätsthese zum Relativismus führt. Wissenschaftshistorische Betrachtungsweise liegt die Wurzel des Relativismus in der Wissenschaft, in den Kritiken am Buch „Logik der Forschung“ von Karl Popper. Ich denke, dass Kuhns Inkommensurabilität der Paradigmen bzw. Feyerabends Wider den Methodenzwang (Against Method) befassen sich mit den kognitiven Eigenschaften des Menschen. Die beiden Ansichten verzichten auf die Grundformen der wissenschaftlichen Methoden und sind gegen die Natur der experimentellen Wissenschaft. Kuhn spricht von der Rabbit–duck Illusion und sagt, dass uns zwei unterschiedliche Versionen auffallen werden, ein Ente oder ein Hase.

Meines Erachtens ist das Problem der wissenschaftlichen Theorien weitaus komplizierter als Kuhns Paradigmenwechsel und hat nichts mit dem sogenannten Enten-Hasen-Kopf zu tun. In der Ente-Kaninchen-Illusion geht es nicht um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit. Es gibt allerdings eine Logik bei der Wissenschaft. Ein solcher Relativismus in der Wissenschaft wird problematisch. Betrachten wir ein analoges Beispiel aus der Wissenschaftsgeschichte. Im Jahre 1903 glaubte der französische Physiker René Blondlot an der Universität Nancy, dass er eine neuartige Strahlung, ähnlich der 1895 entdeckten Röntgenstrahlung detektiert habe. Französische Wissenschaftler publizierten zahlreiche wissenschaftliche Artikel zum Thema “ N-rays“. Es gab aber die N-Strahlen angeblich nur in der französischen Wissenschaftsgemeinschaft. Wissenschaftler außerhalb Frankreichs wie Robert Wood konnten die Detektion der N-Strahlen nicht erkennen. Gab es die N-Strahlen nur für Franzosen? Wenn man Relativist ist, ja! Kuhns Inkommensurabilität kann das rechtfertigen, warum es für französische Wissenschaftler die N-Strahlen gab, und zum Beispiel für amerikanische Wissenschaftler war es unmöglich, die Detektion der N-Strahlen zu erkennen.

A: There is X-ray

Die Richtigkeit/ Falschheit dieses Satzes kann man im Labor beweisen/zeigen. Das hat meines Erachtens nichts mit dem Enten-Hasen-Kopf zu tun. Die Existenz der N-Strahlen war ein kognitiver Fehler. Das kann man mit Hilfe der Wissenschaftlichen Methode endlich korrigieren. Es geht in der Wissenschaft um Richtigkeit und Falschheit der Aussagen.

Literaturverzeichnis

 Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1969. – “Die
Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Zweite revidierte und um das Postskriptum
von 1969 ergänzte Auflage”
 Hacking, Ian. Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Stuttgart:
Reclam, 1996.

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